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Wild auf Hoffnung
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Bibliografische Angaben
Gebundene Ausgabe
Verlag Neues Leben Berlin, 1990 • 235 S.; 21 cm • ISBN 3-355-01056-1 • Leinen mit Schutzumschlag • nicht mehr erhältlich
 
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Klappentext
Erzählt wird von ungewöhnlichen Schicksalen und alltäglichen Begebenheiten, von Situationen des Zweifelns und Situationen der Entscheidung, von erträumten, erlebten und vertanen Begegnungen, von erstarrten Bindungen, Bedrängnissen, von mutigen Aufbrüchen. Neben autobiographische Auskünfte tritt porträtiertes Leben. Dabei ist Gisela Steineckert nicht den Glanzpunkten und Erfolgen auf der Spur, sondern sieht und sucht als streitbare Partnerin die schöne Mühsal des Umgangs miteinander, die beim Umgang mit sich selber beginnt. "Man muss zu sich selber kommen. Das ist ein Weg, den kein anderer für dich oder mich gehen kann." Und so verschlungen oder steinig diese Wege sein mögen, dem von Hoffnung Bewegten setzen sich Ansprüche und ihre Erfüllbarkeit in ein forderndes Verhältnis.
 
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Leseprobe

Der Gefährliche oder Das Siebte


Es ist sehr lange her.

Ich hätte nicht gedacht, dass bis heute darüber geredet wird.

Wörter wie "Massenmedien" gab es noch nicht.

Wieso wusste ich dann, wie der Gefährliche aussieht? Ich kann ihn doch nie gesehen haben, denn hätte ich ihn gesehen, da hätte er mich gesehn und es war um mich geschehn.

Hat meine Mutter ihn gesehen? Warum sonst hätte sie ihn so zu fürchten gewusst?

Vielleicht war Mama sehr klug. Und hat ihn sich vorgestellt, ohne ihn selber gesehen zu haben. Den, der so viele Bekannte und Verwandte gefressen hat. Vor allem unsern Vater. Den habe ich auch nie gesehen. Aber es gibt kein Wort, das beweist, es habe Vater wirklich gegeben. Es gab vielleicht gar keinen "unser Vater". Sondern sieben Väter für siebenmal dieselbe Mutter.

Ich kam zuletzt. Ich war das Kleinste.

Und ich wusste, dass der Uhrenkasten hohl ist. Das war klug, nicht wahr? So konnte ich alle meine Geschwister retten.

Das hätte nie jemand von mir gedacht. Aber ich bin unsterblich geworden, weil ich mich im einzig richtigen Moment erinnerte. Ich erinnerte mich! Es ist müßig, darüber nachzudenken, oh man es klug nennen kann, weil ich vorher viele Male im selben Uhrenkasten verschwand, wegen wenig oder keiner Klugheit, wo Ohrfeigen oder langer Rede kurzer Sinn absehbar wurden. Ich bin auch oft im Uhrenkasten verschwunden, wenn ein Älterer was angestellt hatte. Als Kleinster ist man nie sicher.

Dass ich auf die Welt gekommen bin, hat wahrscheinlich niemanden gefreut. Unsere Mutter war gut, aber sie konnte nur so gut sein, wie das Gras und die Milch reichten und der Winter nicht zu kalt war.

Aber bei uns reichte und langte es hinten und vorne nicht. Selten war es warm genug im Magen und in der Stube.

Außer dem Bäcker habe ich in meiner Mordsstory nur noch einen einzigen Mann erlebt und sollte doch lernen, selber ein guter Bock zu werden.

Ich wuchs auf als der Schwächste, der die anderen niemals einholen konnte, der Letzte am Tisch, der nicht sagte, ohne dass die anderen gleich schrien, das wüssten sie längst und besser.

Unsere Mutter pschschte dann herum, aber das tröstete mich auch nicht. Ich wär gern mal ganz allein gewesen. Und hätte gesungen, denn meckern konnte ich schon von Geburt an. Das reichte mir aber nicht, mein Herz wurde nicht froh dabei, dass mir Meckern gar keine Mühe machte, sich auch mit den Stimmen aller anderen so leicht vereinen ließ. Aber niemals kam der Augenblick, wo ein anderer oder ich hätte singen können und es wäre ein großes Lauschen gewesen, alle hätten es natürlich gefunden. Wenn die Mahlzeiten ausgeteilt wurden, meckerten wir, und die Mutter meckerte zurück.

Ehe wir einschliefen, meckerte Mutter uns noch einmal zu über den ganzen Tag und wie wir da gewesen waren, und wir meckerten zurück bis zum Einschlafen. Die andern schliefen ein, aber ich lag da und dachte nach über meine Stimme, mein armseliges Bärtchen und meinen Körper, der stärker wurde, aber der kleinste und schwächste im Haus blieb.

Ich kam nicht an gegen die andern. SIEBEN? Ja, mit Mutter waren es sieben, und wie sollte ich sie nicht mit unter die anderen zählen, da doch auch sie mir keinen besonderen Platz gab, mit meiner Sehnsucht, zu singen und stärker zu sein als die Geschwister.

(...)

 
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