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Und dennoch geht es uns gut. Briefe 1992-1998
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Bibliografische Angaben
Klappentext
Leseprobe
Rezensionen
   
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Bibliografische Angaben

Gebundene Ausgabe
Verlag Das Neue Berlin, 1998 • 319 S.; 21 cm • ISBN 3-360-00866-9 • Pappband • DM 24.80

Schlagworte: Briefsammlung

 
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Klappentext
Aus den Briefen

Ich hab ja nichts dagegen, dass eine glücklich ist mit der Sorge um die Familie. Aber die Familie ist kein gleichbleibender Organismus, sie wächst unserer Sorge davon, wir unterliegen, wenn wir nicht mitwachsen und uns nicht genügend verändern dürfen. Eines Tages sind wir unsern Töchtern zu beschränkt, wenn wir nicht auch Teile ähnlichen Lebens leben, wie sie es haben. Mit Risiken. Und die müssen größere sein als die, daß ein Napfkuchen zusammenklatscht.

Ich weiß heute, es gibt keine Verabredung auf hohe Ziele über das eigene Gewissen hinaus. Es gibt keinen Zweck, der die Mittel heiligt.

Es sind ja alle so froh, dass es die SED und den Unrechtsstaat gegeben hat, da legen wir die gesamte Vergangenheit in die Zeit ab 1949, dann heißt sie DDR, und das ist ein fester Teppich, unter den wir alles kehren können.

... die Angst, so fürchte ich, ist auch gewollt und Teil unserer Umerziehung, der Strafe, es überhaupt mit einer Alternative versucht zu haben, so kleinbürgerlich-feudalbürokratisch die auch ausgefallen ist.

Sensibel sind wir alle. Wer das in sich abschafft oder weglebt, der wird für andere Menschen gefährlich. Früher hab ich geglaubt, als ältere Menschen werden wir dickhäutiger, gelassener und weniger verwundbar. Aber das stimmt nicht. Die Haut wird dünner, die Schmerzen gehen leichter durch bis auf die Knochen. Und die Verdrängung funktioniert nicht mehr, weil die Erfahrung es eh durchschaut.
 
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Leseprobe
Oktober 1994

... es gibt zwei Probleme. Erstens hast Du Deinen weißen Regenschirm in meinem Hotelzimmer stehenlassen, Frau Gr. bewahrt ihn für Dich auf. Zweitens hier der Rat, um den ich gebeten bin: Fahr zu Deinem Vater, so bald Du kannst. Wir tragen Versäumtes durch unser Leben, mehr als Ertragenes. Wie immer Du den so lange Totgeglaubten vorfindest, selbst wenn Du nur noch an sein Grab gehen kannst - tu das Deine. Die Erklärungen für all diese sonderbaren Lebenslügen werden sich finden. Er dort im Westen, Du hier. Aber er hat sich auch nicht gemeldet, nie.

Fahr nicht allein. Nimm eine Deiner Töchter mit. Und wenn es irgend geht, wohnt nicht in dem Haus, in dem seine jetzige Familie lebt. Selbst wenn der Kontakt ideal werden sollte, Du weißt, dass Dir Emotionen bevorstehen, die es nötig machen, dass Du Dich manchmal in den sicheren Schutz eines fremden Zimmers und in den vertrauten eines Angehörigen zurückziehen kannst. Guck hin, denk nach, und wenn Du weinen musst, weil er so ein wunderbarer Kerl ist, den Du gern als Vater erlebt hättest, dann wein halt. Und wenn Du denkst, dass er ein Quatschkopf ist und Du an ihm nicht viel versäumt hast, dann weißt Du auch mehr als jetzt. Ich kenne kein schlimmeres Gefühl als Reue. Lade Dir das nicht auf. Nach einer gelungenen Operation hat er noch ein paar Jahre zu leben, so schnell geht das nicht zu Ende.

Du wirst merken, dass schon mit dem Entschluss, es zu tun, die Unruhe zurückgeht. Deine Familie wird es verstehen. Gut, er hat sich nicht gekümmert. Vielleicht hatte er kein Bedürfnis. Du hast eins.

(...)
 
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Rezensionen

Stephan Göritz im SFB/Radio Kultur am 15. 10. 1998 (in: "Liedersprüche - Das Magazin für Lied, Rock und Kleinkunst aus dem deutschsprachigen Raum"):

Unbedingt will ich Sie auf ein ganz neu erschienenes Buch hinweisen, daß sich Chansonfreunde in gar keinem Fall entgehen lassen sollten.

Eine der wichtigsten Chansonautorinnen deutscher Sprache hat ihre Briefe der letzten Jahre gesichtet und veröffentlicht: Gisela Steineckert. Sie hat die meisten Titel für Jürgen Walter geschrieben, viele für Angelika Neutschel oder Kurt Nolze... über tausend Lieder stammen aus ihrer Feder. Jetzt gibt es also einen weiteren Band mit ihren Briefen, geschrieben von 1992 bis 1998.

Das sind Briefe voller Trauer und Mut, geschrieben in einem Land zwischen Aufbruch und Stillstand. So poetisch, so genau beobachtet, so sehr Zuspruch und Widerspruch fordernd wie ihre besten Liedtexte. Das Buch ist derzeit meine U-Bahn-Lektüre, und irgendwann werde ich wohl die richtige Station zum Aussteigen verpassen.

"Und dennoch geht es uns gut", Briefe von Gisela Steineckert, soeben erschienen im Verlag Das Neue Berlin, für 24 Mark 80. Eine dringende Lese-Empfehlung!

"Neues Deutschland" vom 28./29. 11. 1998:

Veränderte Verhältnisse
Briefe von Gisela Steineckert

Für Gedichtbände von Gisela Steineckert musste nie groß geworben werden. Sie wurden in der DDR gern gekauft, weil die Autorin Wahrhaftiges in einer einfachen, verständlichen und vielleicht gerade darum poetischen Sprache zu sagen hatte. Nach der Wende musste sie diese Art zu schreiben nicht abstreifen wie ein zu eng gewordenes Kleid; sie musste wohl nur schärfer hinsehen und sich umsehen in der anderen Wirklichkeit.

Und das bedeutete auch, tiefer in sich selber hineinhorchen, weil sich plötzlich mehr und ganz andere Fragen, Zweifel, Unsicherheiten auftaten.

Die vorliegenden Briefe stammen aus den vergangenen sechs Jahren, spiegeln nicht mehr die Euphorie des Neuanfangs, sondern schon das Angekommensein in veränderten Verhältnissen.

"Und dennoch geht es uns gut"
- bereits im Titel des Bandes schwingt das Zwiespältige, Verunsicherte, Diffuse mit. Grundtenor dieser Briefe an Familienmitglieder, Freunde und Kollegen deucht mich ein Unzufriedensein mit dem vorhandenen Zufriedensein. Das klingt im ersten Moment etwas absurd, wird aber zur vollen Gewissheit, je intensiver man sich mit der Lektüre beschäftigt. Dieses "neue" Leben mit den neuen Freiheiten der Ostdeutschen, mit den Erfahrungen von Demokratie und andererseits mit dem brutalen Überlebenskampf für den einzelnen prägen diese sehr persönlichen, sensiblen, ja mitunter zerbrechlichen Zeilen der Schriftstellerin.

Man mag manches davon als banal und überflüssig empfinden, weil bestimmte Äußerungen in einem Brief im Moment des Schreibens wahrlich nicht für die Menschheit bestimmt sein können, aber solche Dinge finden sich auch in anderen Briefausgaben, weil der Ausgangspunkt immer der konkrete Alltag des Verfassers ist.

Insofern sind diese Briefe sensible Zeitzeugen, aufrichtig und wahr, auch polemisch streitbar und - und das mag wohl das Wichtigste in diesen schwierigen Zeiten sein - im­mer ein Stück mit dem Leser solidarisch.

(Roland Möller)

Kurzbeschreibung auf www.amazon.de:

Wer Briefe schreibt, nimmt sich Zeit - für sich und andere. Diese Briefeschreiberin - wach in Kopf und Herzen, bereit und sensibel für Fragen, Sorgen, Bekenntnisse - gesteht sich zu, im eigenen Lebenslauf und dem anderer Berührungen, auch Konfrontatives aufzuspüren. Auskünfte über neue Erfahrungen, gute wir ungute, neue Aufgaben, lösbare und solche, an denen man zu scheitern droht, über einen Alltag, den selbstbewußt zu leben auch Aussprache, Bestärkung, Erinnerung, Zu- und Widerspruch braucht.

 
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