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Leerraum
Ach Mama. Ach Tochter.
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Bibliografische Angaben

Hinweis: Leicht erweiterte neue Ausgabe von "Aus der Reihe tanzen. Ach Mama. Ach Tochter"

Broschiert • 188 Seiten • Verlag Das Neue Berlin • 2003 • ISBN: 3360009916 • EUR 9,90

Schlagworte: Mutter ; Tochter ; belletristische Darstellung

 
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Klappentext

"Dieses sehr persönliche Buch Gisela Steineckerts spürt besonders dem schwierigen Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern nach, dem ewigen Wunsch, aus der Reihe zu tanzen. Das Buch einer Frau, ein Frauenbuch."

"Alle Töchter wissen zu wenig von ihren Müttern. Was wissen Mütter von ihren Töchtern?
Ich habe immer mit Töchtern gelebt, einer, die ich selber geboren habe, anderen, die mir das Leben zuführte. Das gibt mir Erfahrung, auch, wie man sich verfehlen kann.
'Weißt du, ich habe dir das nie gesagt...' - so könnten die meisten Gespräche zwischen so eng verwandten Frauen beginnen. Wir sagen es nicht, und dann ist es zu spät.
Töchter lernen von niemandem so wenig wie von der eigenen Mutter. das ist eine Behauptung. Ich bin Tochter, Mutter, Enkelin, Großmutter. Darüber erzähle ich, von mir in solcher Lage und von anderen aus meiner Sicht."

 
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Leseprobe
Sensibler Übergang

Nach dem Schreck, daß die Kinder das Haus verlassen haben, glättet sich die Seele. Wir hören auf einmal ein Lied, das außer uns niemand hören wollte. Nach Jahren, in denen wir ständig musikalische Erfindungen ertrugen, die auf un­sere Gehörgänge einschlugen, dem Hinnehmen einer nicht abstellbaren Geräuschkulisse, die wir über uns ergehen ließen wie einen Pladderregen.

Wir müssen niemandem in der Familie mehr ein Vorbild sein. Nichts zwingt uns, allen voraus die Weihnachtsge­schenke in die Schränke zu stopfen und unaufhörlich an das Bessere im Nachgeborenen zu appellieren.

Wir brauchen nicht mehr am Fenster auf die heimkehrenden Schritte von sorglosen Angehörigen zu warten, mit mühsam beherrschter Ungeduld und der fast schmerzhaf­ten Wut, daß es schon wieder später ist als verabredet, und unsere Nachtruhe kommt wieder zu kurz.

Nun läuft im Fernseher ein Film, den sich vorher niemand angeguckt hätte. Wir hätten ihn gar nicht vorgeschla­gen, den Durchschnittsgeschmack unserer Familie ken­nend. Aber nun können wir ihm etwas abgewinnen. Die Ge­schichte ist still, nachdenklich, gerade recht. Sie weckt gerade soviel Sehnsucht nach einem großen Abenteuer, daß sie mit einer gewissenlos verspeisten Salami-Stulle befriedigt werden kann.

Das Leben hat sich verändert. Daran gewöhnt, einen neuen Pullover allenfalls als zweite zu tragen, wenn wir ihn denn je nach dem ungefragten Ausleihen wiedersehen, finden wir nun unsere Klamotten immer an derselben Stelle wieder, nicht zusammengewurschtelt und mit einem Brandloch versehen. Sogar die besseren Strumpfhosen reichen nun lange, besonders die schwarzen, die sich nach jeder Art von plumpem Sportschuh an schlanken Tochterbeinen sehnten.

Wir waren lange Mutter. Dieser Zustand war uns natürlich, eine leichte Behinderung, ein Geschenk des Lebens.

Mutter sein ist am schönsten in der ersten Zeit, und dann, wenn man nur noch besucht wird und sich in den Zwischenzeiten erinnert.

(...)
 
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Rezensionen
carpe librum:
Gisela Steineckert, 1931 geboren, ist eine der wichtigsten DDR-Schriftstellerinnen. Vielen - zumindest den „gelernten DDR-BürgerInnen" - bekannt durch ihre zahlreichen Gedichtbände und Liedtexte (u.a. für den „Oktoberklub"), hat sie außerdem Briefe und Prosatexte veröffentlicht, die sich durch ihre schonungslosen Analysen und durch große Wahrhaftigkeit auszeichnen.

Dabei geht sie auch mit sich selbst nicht zaghaft um. Kämpferisch und gründlich, sarkastisch und manchmal ganz zart, ist sie im Wesen sich selbst und ihren Idealen treu geblieben, ohne verknöchert zu sein.

Davon kann man sich übrigens auch in ihren Lesungen ein Bild machen: ein Bild davon, wieviel Schwung und Elan, wieviel Mut, wieviel Humor man mit beinahe siebzig Jahren aufbringen kann, wenn man von einer Thematik wahrhaft bewegt ist.

Ihre Thematik, das sind die Menschen, besonders Frauen, ihr Umfeld, ihr Leben, ihre Beziehungen, Entwicklungen und Gefühle.

In diesem Buch nun geht es vorrangig, aber nicht ausschließlich, um Mutter-Tochter-Beziehungen, auch um ihre eigenen, es geht um Veränderungen zwischen Partnern, um Trennung, um Einsamkeit in der Beziehung, um Mißverständnisse und um Annäherung.
Es geht auch um den Abschied vom gewohnten Leben - das Buch ist erstmals 1992 erschienen und spiegelt die „wende"-bedingten Einschnitte und Umbrüche, glasklar in der Analyse, nüchtern und dennoch bewegend im Ausdruck.

Mein Tip für Leser aus den alten Bundesländern, die etwas vom Lebensgefühl der Vor- und der Nachwendezeit erspüren wollen, ist „Wir haben alles verloren":

„Eine schwierige Zeit, und wir sind nicht auf sie vorbereitet gewesen. Oder besser: wir haben sie uns ganz anders vorgestellt. ...

Es ist auch wahr, daß wir uns langweilten mit unserem absehbaren Leben mit seinen kalkulierten Risiken und seinen engen Grenzen für Abenteuer, Einfälle, Eigenart. Wir wollen nicht zurück, niemals. Aber nach vorn, was ist das? Und was bleibt von uns? ...

Wir haben zeitweise das Wort ICH verloren. Wir sagten WIR, auch wenn uns Denkwelten von einem Vorgang trennten. Wir haben wieder die Kartoffeln nicht rechtzeitig in die Erde gebracht, wir hätten Ceausescu nicht den Karl-Marx-Orden geben sollen ...

Es war aber unser Leben. Und wir wollten hierbleiben. Es ist nicht wahr, daß uns nur der Schneid für den Aufbruch fehlte...

Ach, wer begabt ist, glücklich zu sein, der wird es auch wieder. Wie uns das Leben geraten war, mußten wir wohl alles verlieren, um einen Anfang zu finden, in dem ein wirkliches, erwachsenes Ich zu gewinnen ist."

Gisela Steineckert erzählt von ihrer Großmutter, von ihrer Mutter, ihrer Tochter, ihrer Enkelin. Sie beschreibt, wie sich gelungene Beziehungen, wie sich gestörte Beziehungen im Leben auswirk(t)en.
Sie erzählt davon, wie frau nach dem Auszug ihrer Kinder versucht, wieder ihr Leben zu leben, ihre Gefühle wiederzufinden, ganz neu und über Jahre hinweg verlernt.
Sie erzählt, wie schwer selbst eine gute Partnerschaft/Liebe manchmal zu leben ist - und nie ohne gegenseitige Verletzungen. „Es kam die erste Niederlage. Da standen wir am Abgrund, mal berührten sich unsere Finger, mal sah es aus, als wolle einer von uns springen - oder den anderen stoßen? Die Liebe tat weh und war ratlos, suchte nach Worten, wollte abhauen in fraglose Idylle, wollte sich nicht stellen. Nicht auch das noch. Zu allem auch noch das. Ein Konflikt, in dem Ja so falsch war wie nein."
Sie erzählt die Geschichte einer Trennung aus der Sicht des Mannes, aus der Sicht der Frau.

Sie erzählt all das in einer Sprache, die anrührt, ohne je sentimental zu werden, aus der Sicht einer emanzipierten, starken Frau, die es nicht nötig hat, alles Männliche zu verteufeln und auf Männer herabzusehen, sondern für die gelingendes Leben eben auch ein Leben mit einem Mann ist. „Als ich jünger war, dachte ich, die Sehnsucht altert mit uns, und eines Tages ist sie alt und schwach. Das war ein Irrtum. Die Empfindungen haben sich freigebrannt, sie sind möglich. In einer langen Liebe muß man nicht dauernd schreckhaft auf der Lauer liegen, ob man nicht sträflich einen Lockruf verpaßt...."

Gisela Steineckert ist Mutter, ist Tochter, und sie spürt beidem nach. „Es reicht nicht, der Mutter das eigene Leben vorzuhalten. Da sieh, was du daraus gemacht hast, da sieh, wie wenig ich machen konnte, weil du so warst, wie du warst, weil ich durch dich nun so geworden bin. Ich nehme das von mir selber nicht mehr hin. Wir müssen mit der Mutter und mit der Tochter ins Reine kommen... Es ist mein Leben. Auf mich kommt es an..."

Und vielleicht kann man die letzten Sätze als Motto des gesamten Buches auffassen: „Auch Haß ist möglich zwischen Mutter und Tochter... Aber uns soll wachsen die atemlos machende Fähigkeit, zu verstehen. Unersetzbar sind wir nur, wenn wir uns nicht dafür halten."

(Almut Nitzsche)
 
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