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Bild Gisela Steineckert

Presseberichte über Gisela Steineckert (Geburtstage u.a.)

 

 

Märkische Oderzeitung vom 12. Mai 2006

Gisela Steineckert: Immer dicht am einfachen Leben

Foto: GMD

Sie schreibe sich "den Schreck von der Seele", hat Gisela Steineckert einmal gesagt. "Noch immer." Den Schreck über die Schwierigkeit der Liebe, die Frage nach dem Möglichen, die Probleme des Alltags. Schreiben, das sei ein Teil von ihr, "wie meine Hand oder mein Herz", wie es in ihrem jüngsten Prosaband "Alt genug, um jung zu bleiben" heißt.

An diesem Sonnabend feiert die Schriftstellerin ihren 75. Geburtstag. Und hat auch das zu ihrem Thema gemacht, so wie es stets das "ganz normale Leben" ist, das sie in Gedichte, Prosa, Hörspiele, Drehbücher oder Liedtexte gießt. "Das Schöne am Alter", sagt Gisela Steineckert, "ist die Gelassenheit. Und die Erkenntnis, dass alles, was einem einmal gut getan hat, immer noch gut tut."

Die ehemalige Sprechstundenhilfe ist das, was man so gern als Autodidaktin bezeichnet. Anfang der 60er Jahre war sie Kulturredakteurin beim "Eulenspiegel", hat dann in erster Linie freischaffend gearbeitet. Neben Lyrik und Prosa waren es vor allem ihre insgesamt etwa 2800 Liedtexte, die die Steineckert berühmt machten. So schrieb die Mitbegründerin der Singebewegung unter anderen für Frank Schöbel, Veronika Fischer und Dirk Michaelis. "Ich kann nur für Interpreten arbeiten, die mich auch persönlich interessieren", sagt sie. Und das gilt bis heute: Für Angelika Neutschel, Gaby Rückert oder Jürgen Walter, mit dem sie in jungen Jahren einmal liiert war, fällt Gisela Steineckert noch immer etwas ein.

Vielleicht auch, weil sie regelmäßig mit ihnen auf der Bühne steht. Gut 150 Auftritte und Lesungen absolviert die Autorin im Jahr. "Das Schreiben allein reicht mir nicht aus. Ich muss beides haben." Der Weg zum Publikum ist für sie dabei auch immer der Weg zu sehen, wie andere leben. "Ich will verständlich sein. Und dazu muss ich das, was im Leben der Menschen passiert, auch zu verstehen versuchen." Eine Dichterin im Elfenbeinturm, das will die Steineckert nicht sein. Dazu ist sie auch viel zu dicht an allem dran. An den Frauen zum Beispiel. "In meiner Jugend war ich auch eine dumme Gans, habe mich in Konkurrenz begeben. Später habe ich gelernt, dass die Freundschaft zu einer Frau eine große Kostbarkeit ist."

Nachdem nach der Wende die "Kunst an den Rande geschoben" worden sei, weil "anderes wichtiger war", spürt Gisela Steineckert jetzt, dass ihre "Art zu reden" wieder ein Echo findet. Und gibt offen zu, dass sie selbst sich in erster Linie als ostdeutsche Autorin sieht. Nicht, dass sie es nicht im Westen probiert hätte. Dort jedoch kennt sie keiner, muss sie "zu viel Vorarbeit leisten". Im Osten fühlt sie sich gebraucht: "Dort bin ich zu Gast, hier zu Hause."

Auch, wenn es Brüche gab. Viele Jahre war sie Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst - klar, dass sie da nach der Wende auch in der Kritik stand, sich mancher ungerecht behandelt fühlte. Gisela Steineckert weist dann gern in die andere Richtung, erzählt so von den "wunderbaren" Chansontagen in Frankfurt (Oder), durch die einige Sänger - Gerhard Gundermann zum Beispiel - aus den "Schwierigkeiten" geholt werden konnten.

Sie habe sich manchmal davor gedrückt, die Grundlagen in Frage zu stellen, gestand die Autorin vor einigen Jahren. Heute sei sie tapfer genug, ihr "Visier zu heben und zu zeigen: Das war mein Leben, das waren meine Irrtümer, meine Feigheiten". Das Wichtigste bleibt für die Mutter einer Tochter bei alldem die Familie, ihr Mann, mit dem sie seit 34 Jahren in "glücklicher Ehe" lebt. "Nicht jammern, sondern genießen", heißt es darum in ihrem neuen Buch. "Das Alter hindert daran am wenigsten."

 

 

Lausitzer Rundschau vom 13. Mai 2006

Das Schöne am Alter

Gisela Steineckert zum 75. Geburtstag

Mit 75 Jahren kann man sich allmählich Gedanken über das Alter machen. Nicht darüber, dass dauernd etwas wehtut. Gegen Schmerz ist niemand gefeit. In der Jugend bereite man ihn sich nur öfter selbst, glaubt Gisela Steineckert, die heute ihren 75. Geburtstag mit einem neuen Buch feiert: «Alt genug, um jung zu bleiben» .

Die Berliner Schriftstellerin und Lyrikerin, Liedautorin und Szenaristin hat schon mit viel Fein- und Hintersinn das Schöne an den Frauen, den Männern und natürlich der Liebe beschrieben. So ist es auch nicht verwunderlich, dass in ihrem Loblied aufs Alter noch immer Frauen und Männer und die Liebe eine Hauptrolle spielen. Dabei immer in den Umrissen der Welt.

Und doch gibt es auch Erkenntnisgewinne, die allein dem Alter zuzuschreiben sind: «Ich bin alt genug, um jeden Menschen umarmen zu dürfen, wenn ich das möchte» , freut sie sich in einer der kleinen, verblüffend offenherzigen Geschichten, die in dem Buch versammelt sind. Und: «Ein schöner Gewinn des Alters ist, dass die vorher einengenden Regeln aufgehoben scheinen.»

Es ist eine warmherziger übermütiger Blick auf das Alter, nicht nur auf das eigene – von Angst vor Vergreisung ist nichts zu spüren. Stattdessen ist es eine Rückschau, die nicht vernebelt. Klug, humorig und selbstironisch bisweilen. Gelebtes wird nach seiner Bitterkeit, Tristesse und Süßigkeit abschmeckt: die Eile in der Jugend, die Überforderung in mittleren Jahren, Begehrtheit und Begehrlichkeiten, die «Frieda Duckmaus» in der Seele. Und die Bürde von Ämtern, in denen du zu viel siehst und zu viel einsiehst und zu wenig tun kannst.

Der Mensch lebt an der Grenze des Alters nicht nur mit dem Stolz auf das, was er geschafft hat. Das Unverzeihliche und das Unverziehene unterliegen nicht der Gnade des Vergessens» , schreibt sie, die mit ihren Büchern jährlich zu 150 Lesungen eingeladen wird und doch fürchtet, dass immer weniger Köpfe und Bücher zusammenstoßen. Auch in Lausitzer Landen ist sie oft unterwegs. Zuletzt zog sie gemeinsam mit Veronika Fischer auf Gut Saathain im Elbe-Elster-Kreis liebevoll-ironisch «Über Männer und uns» her: «Zwei Stunden voller gesungener und gesprochener Poesie, melodisch auch die Texte» , beschrieb RUNDSCHAU-Autor Jürgen Weser seine Eindrücke.

Seit den 50er-Jahren freischaffend, veröffentlichte Gisela Steineckert 45 Bücher, schrieb weit mehr als 2000 Liedtexte. Von 1984 bis 1990 war sie Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst. Nach der Wende wurde sie Mitglied des Demokratischen Frauenbundes und übernahm bis 1994 den Vorsitz. Vor allem aber schreibt sie, liest oder plaudert mit ihren Lesern. Sie wollte nie eine Schreiberin werden, genauso gut hätte sie Atmerin werden können, flachst sie in ihrem neuen Buch: «Lesen und Schreiben habe ich nie als Vision erlebt. Es war Teil von mir, wie meine Hand und mein Herz.»

Was das Alter betrifft, das Wort müsste eingetauscht werden gegen ein werbewirksameres, schlägt sie vor. Alter klinge nach bergab. Dabei habe man sich doch, trotz mancher Stolpersteine, ein halbes Leben lang bergauf gemüht. Gewiss steckt sie noch voller Geschichten über «Das Schöne am Alter» . Ihr Alterswerk hat sie eben erst begonnen.

Gisela Steineckert: Alt genug, um jung zu bleiben. Das Neue Berlin. 192 Seiten. 12,90 Euro. Gisela Steineckerts Texte gibt es jetzt auch auf vier CDs als Hörbücher bei Ohreule.

(Ida Kretzschmar)

 

Neues Deutschland vom 13./14. Mai 2006

Das Leben üben, seit 75 Jahren

Am 13. Mai hat die Schriftstellerin Gisela Steineckert Geburtstag

ND-Foto: Burkhard Lange

Ausgerechnet ich soll Gisela, einer Wortmeisterin, einer Schriftstellerin, in Form eines Artikels zum Geburtstag gratulieren? Das wäre genauso, als würde sich Gisela zu gegebenem Anlass auf die Bühne stellen und mir ein Lied singen. Ich würde mich darüber freuen, vor allem, wenn sie es in ihrer unverwechselbaren Operettenart täte. Mit dem langsamen Vibrato, bei dem angeblich die Familie ausreißt. Das kann ich mir nicht vorstellen. Sie kokettiert doch nur damit. Wir beide hatten und haben damit jedenfalls viel Spaß in den Garderoben vor den Konzert-Lesungen. Seit vergangenem Jahr sind wir mit »Über die Männer und uns« unterwegs. Vor den Konzerten ist sie sehr konzentriert, die eher Stillere. Ich bin die Lautere, das liegt in der Natur der Dinge. Sie steht schon immer fünf Minuten, bevor die Veranstaltung beginnt, hinter dem Vorhang. Das würde mir nicht einfallen. Und dann geht's los. Gisela betritt die Bühne und sagt zum Publikum: »Sie hätten heute Abend auch etwas Anderes machen können, aber Sie sind zu uns gekommen.« Per in-ear, das sind Stöpsel im Ohr, kleine Lautsprecher, höre ich alles mit. Sehr vorteilhaft, so kann ich meinen Auftritt nicht verpassen. Ich kenne das Stichwort. Wobei Gisela sehr variiert, da muss man wachsam sein. Und dann freue ich mich auf die Dialoge, die Gespräche, ihre Monologe, die sie einzigartig vorträgt, in ihrer unverwechselbaren Art. Oft überrascht sie mich mit Neuem, ohne es anzukündigen. Das bringt Spannung und lässt Langeweile nicht zu.

Gisela hat gerade ein neues Buch veröffentlicht – »Alt genug, um jung zu bleiben«. Sie stellt es unermüdlich landauf landab ihrem interessierten Publikum vor. Mit 75 eine ziemliche Leistung. Doch Gisela hat einen Schutzengel, ihre nun auch schon 30-jährige Enkelin Laura-Marie. Die junge Frau ist ihr stets zur Seite. Fährt sie zu Auftritten, frisiert ihr das Haar, organisiert ihre Lesungen und sorgt für die nötigen Vorbereitungen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wieviel Kraft dieses Reisen kostet, ganz abgesehen von zuweilen nervenaufreibenden Bedingungen vor Ort. Doch: »Man muss den Spuren der Lieder folgen, da kommt man zu den Leuten.«

Wenn sie dichtet, wenn sie schreibt, ist sie gern allein, zuhause an ihrem Schreibtisch im Hochhaus, mit dem freien Blick in die Wolken. Doch dann braucht sie wieder die Nähe, den Kontakt zu den Leuten, ihren Lesern, ihren Freunden oder den Frauen, denen sie nach der Wende als Vorsitzende, nun als Ehrenvorsitzende des Demokratischen Frauenbundes Mut macht. Arbeit – für Gisela Steineckert ist sie (über)lebenswichtig. Sie sei, wie sie selbst sagt, »einer ihrer ausgeprägtesten Genüsse«.

Bei einem Bühnenprogramm wie »Über die Männer und uns« bleibt es nicht aus, dass man sich gegenseitig seine privaten »Erfahrungen« über diese Spezies Mensch mitteilt. Der erste »Mann« in ihrem Leben war eher abschreckender Natur. Es war ihr Vater, ein Trinker, der sie als Kind nicht ein einziges Mal mit ihrem Namen ansprach. Als sie 1949 ihren ersten Mann, den Bauingenieur Walter Steineckert, heiratete, war sie gerade 17. Mit Ach und Krach hielt die Ehe, in der im Mai 1951 Tochter Kirsten geboren wurde, neun Jahre. Danach folgte eine kurze Ehe mit dem Lyriker Heinz Kahlau. Auch ein Irrtum, wie sich bald herausstellen sollte. »Der hatte nur eine Angst – ich könnte ein Gedicht schreiben, das besser wär’ als eins von ihm«, sagt sie in den »Weibergeschichten« von Gisela Karau. Ihre mehrjährige private Liaison mit dem Sänger Jürgen Walter mündete in einer Jahrzehnte langen Freundschaft, die bis heute anhält. Mehr als 400 Lieder schrieb sie für ihn. Doch der allerwichtigste Mann in ihrem Leben ist der ehemalige Rundfunk-Chefredakteur für Musik Wilhelm Penndorf, Giselas dritter Ehemann. Ende der 60er lernte sie ihn bei gemeinsamer Arbeit im Funk kennen, 1973 heirateten sie. Ein Fels in der Brandung. Nicht nur durch seine Körpergröße. Er ist, soviel ich weiß, knapp zwei Meter groß. Ein Mann zum Anlehnen, ihr Lanzelot. Den muss man erst Mal finden! Er hängte den Beruf an den Nagel, um ihr den Rücken frei zu halten. Und er kocht gern, mit Vorliebe leckere Süppchen, die Gisela besonders mag. Also, ein seltenes Exemplar. Er kann nämlich mit einer starken Frau leben und ihr den nötigen Freiraum für ihre Kreativität lassen, sie bei Bedarf unterstützen. Beneidenswert! Bei Nachfrage kann Gisela mir, trotz durchaus kupplerischer Veranlagung, kein entsprechendes Exemplar vermitteln. Wie schade!

Gisela ist immer eine starke Frau gewesen, und das war nicht nur zu ihrem Vorteil. Sie hat sich gern eingemischt und an vorderster Front gekämpft. Wer die Bühne betritt, muss damit rechnen, nicht verstanden zu werden. Das hat sie bitter erfahren und lernen müssen im nunmehr geeinten Deutschland. Sich neu orientieren zu müssen, als Sozialistin in der freien Marktwirtschaft. Willkommen im Kapitalismus! Ich habe da schon zehn Jahre früher geübt und immer noch meine Schwierigkeiten. Wir beide gemeinsam auf der Bühne – für Einige ist das unvorstellbar. Ich habe die DDR 1981 verlassen, aus unterschiedlichen Gründen. Nachzulesen ist das in Giselas Buch »Diese Sehsucht nach Wärme«. Sie – eine DDR-Vertreterin aus Überzeugung, Vorstandsmitglied des Berliner Schriftstellerverbandes, Präsidentin des Generalkomitees für Unterhaltungskunst, SED-Mitglied seit ihrem 37. Lebensjahr. »Ich habe die DDR geliebt und denke gern an sie zurück, auch wenn ich sie nicht wiederhaben möchte«, sagt sie heute. Und grübelt über ihre und Anderer Irrtümer. Und macht es sich nicht leicht damit.

Ich ging nach dem Tod meines früheren Texters Gerulf Pannach im Jahr 2000 auf sie zu, auf der Suche nach neuen Textideen. Mir fielen die schönen Texte für Jürgen Walter ein, für den sie lange schrieb und noch schreibt. Es gab sofort einen Draht zwischen uns und so entstanden die ersten Lieder wie »Tief im Sommer«. Dann gab es die Idee des Buches. Ursprünglich sollte es eine Autobiographie sein. Ein Verlag bot es mir zu meinem Fünfzigsten an. Ich fragte Gisela und sie ging darauf ein. Es wurde ein Porträt über mein Leben. So lernten wir uns auch persönlich näher kennen. Es sollte, nach ihrer Aussage, eines ihrer schwersten Bücher werden. Erklären muss sie das selbst. Ich kann da nur vermuten, dass es unsere verschiedenen Lebensläufe waren, die ja automatisch auch von ihr Vergangenheitsbewältigung und neue Betrachtungsweisen erforderten. Unterschiedliche Sichten sollten nicht zwangsläufig eine Freundschaft unmöglich machen. Unvoreingenommenheit und natürlich die Kunst können da eine Brücke sein. Wir stellten mit Erstaunen fest, dass wir trotz Unterschiedlichkeiten eine Menge Gemeinsames entdeckten. Das wäre ein Vorbild für das Zusammenwachsen in unserem angeschlagenen Deutschland oder für die Integration unserer Einwanderer. Ich gehöre zu den Dinosauriern, die sich als Sänger der so genannten Unterhaltungskunst bemühen, gute lyrics zu singen. Deshalb landete ich bei Gisela Steineckert, die für mich eine der besten Texterinnen in unserem Land ist. Man sollte an einem Lied arbeiten wie an einem Theaterstück, ist ihre Überzeugung. Und der Interpret muss das Seine dazu tun, als gleichberechtigter, mitdenkender Partner. Vielleicht ist deshalb die Liste der Interpreten, für die Gisela schrieb, auch gar nicht so lang. Uschi Brüning kommt darin vor, Kurt Nolze, Angelika Neutschel, Eva-Maria Pieckert, Frank Schöbel und – natürlich – Jürgen Walter.

Gerade arbeiten wir an einer neuen Konzert-Lesung. »Weh dem, der liebt (Es sei denn: mich)« soll sie heißen. Gisela schwärmt schon seit geraumer Zeit von wunderbaren Einfällen dafür. Ab Juni soll's losgehn. Ich werde aus meinem Lieder-Pool geeignete Titel auswählen und zwischen den schönen Dialogen und Monologen vortragen.

Doch hier und an diesem besonderen Tag geht es allein um Gisela. Seit 75 Jahren übt sie nun schon dieses, ihr Leben. Mit vier konnte sie lesen, mit zehn schrieb sie ihr erstes Gedicht. Geboren als zweitältestes von insgesamt vier Kindern eines Dienstmädchens im damaligen Berliner Armenviertel Ackerstraße, hatte sie dennoch die Chance, nach Kriegsbeginn gemeinsam mit Bruder und Schwester einige glückliche Kindheitsjahre im oberösterreichischen Wildenau zu erleben. Glück, das war für die Neunjährige, regelmäßig zur Schule gehen, lesen und auch mal träumen zu dürfen. Nach dem Krieg kehrte sie nach Berlin zurück, begann eine Lehre als Industriekaufmann, arbeitete als Sprechstundenhilfe und Sachbearbeiterin, später als Autorin für den Eulenspiegel, das Magazin, die Sibylle oder das Jugendmagazin neues leben. Sie schrieb Drehbücher für Filme wie »Auf der Sonnenseite« oder »Liebe mit 16«, Dutzende Hörspiele, 43 Bücher sowie Gedichte und Liedtexte in unglaublicher Zahl. Die genaue Zahl ist nie wirklich reell, da sie bereits heute wieder zwei neue geschrieben haben könnte. Ich kenne keinen Kreativen, der so schnell so gut schreibt. Ich liebe ihre Gedichte und bedauere, sie nicht in jedem Fall singen zu können. Da gibt es Liedgesetzmäßigkeiten und das funktioniert nicht immer. Aber dafür gibt es dann die speziell für mich geschriebenen wunderbaren Texte wie »Dünnes Eis« oder »Ein Winter ist mir widerfahr'n«.

Der Flieder beginnt langsam zu blühen, an ihrem Geburtstag steht er entweder in voller Blüte oder ist gerade verblüht. Es sind ihre Lieblingsblumen, die leider in der Vase sehr schnell ihre Pracht verlieren. Also müsste man ihr einen Baum schenken. Was Gisela von mir bekommt, verrate ich aber nicht, außer, dass es ihr beim Schreiben ein wohliges Gefühl geben soll. Liebe Gisela, ich wünsche Dir »noch zehn Leben« bei guter Gesundheit, so wie Du es in einem Deiner Verse einmal beschrieben hast. Ein nicht ganz uneigennütziger Wunsch. Das mögest Du mir als Interpretin Deiner Texte verzeihen.

Deine Veronika Fischer.

 

Freie Presse vom 12. Mai 2006

So hartnäckig können Frauen sein

Produktiv wie eh und je: Die Autorin und Songschreiberin Gisela Steineckert wird morgen 75

Von Ruhestand will Gisela Steineckert nichts wissen. Rastlos tourt sie durch den deutschen Osten. Allein im Mai ist die Autorin, die morgen 75 wird, ein gutes Dutzend Mal zwischen Rostock und Chemnitz unterwegs. Die Menschen kommen in Scharen, denn sie bietet außer populären Strophen, pfiffigen Geschichten auch Lebenshilfe. Das große Echo motiviert sie: „Schreiben im Osten ist jetzt ein Versuch, die Leute bei ihrer Fähigkeit zur Selbsthilfe zu packen. Sie müssen lachen und weinen, damit die Kruste nicht gar zu dick wird.“

So agil Gisela Steineckert ist, so produktiv war sie stets. Rund 40 Bücher publizierte sie bisher. Ein Gutteil beinhaltet Gedichte sowie Chansons, die sie eigens für Gisela May, Uschi Brüning und Angelika Neutschel maßschneiderte. Nicht wenige davon haben mittlerweile den Status von Evergreens erreicht. Eng wirkte sie mit dem Schlagerkomponisten Arndt Bause und dem Oktoberklub zusammen.

Steineckerts Gebrauchspoesie zeichnet sich durch Mutterwitz und milden Feminismus aus. Vor allem Leserinnen zieht diese Mischung magisch an: „Sie sind sich bewusst, dass ich etwas von ihnen weiß, mich für sie interessiere, für die Katholikinnen ebenso wie für die Lehrerinnen.“ So hält sie Frauen für ihr eigentliches „Biotop“.

Ungeachtet ihrer Erfolge gilt Gisela Steineckert als umstritten. Heftige Diskussionen entbrannten vor allem 1996 nach der Veröffentlichung ihrer Autobiographie „Die blödesten Augenblicke meines Lebens“, in der sie trotzig betonte: „Ich habe die DDR geliebt. In meinem Land war die Miete billig, die Kunst hatte bedeutende Züge, und der Charakter der Menschen war weniger verkommen als in der großen, weiten Welt“. Ehemalige Bürgerrechtler fühlten sich davon provoziert. So erinnerte die Liedermacherin Bettina Wegner an Steineckerts Rolle als „Oberzensorin“ im Amt der Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst beim Kulturministerium, das sie bis 1990 inne hatte.

Inzwischen rückt Steineckert merklich von früheren Positionen ab. So sagte sie: „Die DDR war zwar meine Heimat und ich habe dort gern gelebt, aber dennoch will ich sie nicht zurückhaben.“ Sympathie für das „absehbare Leben“ im SED-Staat „mit seinen kalkulierten Risiken und seinen engen Grenzen für Abenteuer, Einfälle und Eigenart“ bringt sie nur noch begrenzt auf.

Nach 1989 fiel die Autorin wie viele ihrer Kollegen in ein tiefes Loch, weil Verlage schlossen und bereits gedruckte Bücher auf Wühltischen landeten. Doch die als Berliner „Proletenjöhre“ geborene Frau hat Durchsetzungsvermögen bewiesen, das sie an ihre Geschlechtsgenossinnen weitergeben will – denn sie weiß aus Erfahrung genau: „Heute braucht man als Frau mehr denn je Hartnäckigkeit und Courage.“

(Ulf Heise)

   
 

Ostsee-Zeitung, 12./13. Mai 2001:

„Die Frauen sind mein Biotop"

Berliner Autorin Gisela Steineckert feiert morgen ihren 70. Geburtstag

Pressefoto

Für ihre Neuerscheinungen zahlt man wieder stolze Preise: Autorin Gisela Steineckert.

Foto: S. Schweizer

leerBerlin(OZ) Fast 40 Bücher und 2800 Lieder hat Gisela Steineckert bisher geschrieben. Ihr letztes Buch „Der Mann mit der goldenen Nase" veröffentlichte sie mit dem Schlagerkomponisten Arndt Bause. Zurzeit arbeitet sie an einem Buch über Veronika Fischer. Danach freut sie sich auf „Das Schöne an den Männern", den 3. Teil einer Trilogie (nach: „Das Schöne an den Frauen" und „Das Schöne an der Liebe.").

Im Osten der Republik ist die agile Frau eine öffentliche Person. Ihre Bücher, Gedichtbände und Breviers finden sich in den Regalen junger wie reifer Frauen. Kirchenchöre singen das Lied vom „Einfachen Frieden", das sie für Kurt Nolze schrieb. Wer „Clown sein" sagt oder augenzwinkernd „Schallala - Schallali", weiß Bescheid: Jürgen- Walter-Hits.

Weil sie in ihren Texten Einblicke gewährt in Leben und intimste Konflikte, Fehler bekennt, Fragen nie verschweigt, nicht nachläßt im Suchen von Antworten, wird sie gelesen, geliebt, um Rat gefragt und immer wieder eingeladen. Und weil Gisela Steineckert („als Berliner Proletenjöre aus'm Julli jekrochen") nach eigenem Bekunden „nie ein unpolitischer Mensch" war, dies aber immer laut, wurde sie angreifbar. Gründungsmitglied des Oktoberklubs, Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst, Vertraute von Ministern ... - all das hielt man ihr nach der Wende immer wieder vor. Gisela Steineckert spricht vom Oktoberklub als einer „schönen Zeit, an die ich oft zurückdenke". Bettina Wegner spricht von ihr als „Oberzensorin". In der Unterhaltungsbranche der DDR kursierte „Königin Mutter".

Gisela Steineckert setzt sich selbst immer wieder öffentlich mit ihrer Vergangenheit auseinander: „Also war ich eitel, dumm und unerfahren genug, mir diesen Rucksack aufbinden zu lassen", sagt sie zu ihrem früheren Amt als Präsidentin, listet Ziele auf, die sie hatte und bekennt: „Nichts davon habe ich erreicht." Selbstbewußt und ein wenig genervt: „Ich arbeite weiter - so gut ich kann - was soll ich denn sonst machen? In der Hoffnung, ich finde heraus, was da Scheiße war!"

1990 fiel sie wie viele ihrer Kollegen in ein tiefes Loch. Sie rappelte sich auf und suchte Kontakte zuerst zu jenen, die ihr immer am nächsten waren: „Die Frauen sind mein Biotop", sagt Gisela Steineckert. „Sie sind sich bewußt, daß ich etwas von ihnen weiß, mich für sie interessiere - die Katholikinnen ebenso wie die Staatsbürgerinnen oder die Lehrerinnen." Dass ihre Bücher damals, als alles nach Bananen rief und die Koffer für Mallorca packte, nicht im Ramsch landeten, ist das Verdienst ihres Ehemannes. 1990 „kratzte er alles Ersparte zusammen" und rettete landauf-landab die Bestände vorm Wühltisch. In Bibliotheken, Frauenzentren, Schulen und Verbänden ist man heute dafür dankbar. Denn für Neuerscheinungen und -auflagen zahlt man wieder stolze Preise.

Die Schriftstellerin wird am Sonntag 70. Mit ihrer Verwurzelung in der Leserschaft könnte sie es sich gutgehen lassen. Doch da ruft der Computer, liegt ein Stapel jungfräulicher Blätter, klingelt das Telefon. In den nächsten Monaten stehen 10 Lesungen auf dem Plan.

(S. Schweizer)

 

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Andrang bei der Berliner Schriftstellerin Gisela Steineckert (l.) auf dem Buchbasar im Rostocker Hof.

OZ-Foto: G. Dehn

Schweriner Volkszeitung:

"... damit die Kruste nicht gar zu dick wird"

Die Schriftstellerin Gisela Steineckert will die Menschen zum Lachen und Weinen bringen

32 Prosawerke und etwa 2000 Liedtexte sind die bisherige literarische Bilanz der Schriftstellerin Gisela Steineckert. Ihr Name ist aber auch verbunden mit der DDR-Kulturpolitik. Sie war stellvertretende Vorsitzende des Berliner Schriftstellerverbandes und später Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst, ein Gremium, das trotz aller Vorbehalte manches, z.B. Zusammenführungen von hoher Kunst und Unterhaltung, für das Publikum leistete.

Gisela Steineckert nennt die Etappen ihres Lebens stichwortartig: 1931 in Berlin geboren, im Krieg schickt man sie aufs Land nach Oberösterreich. In die Trümmerstadt Berlin zurückgekehrt, absolviert sie eine kaufmännische Lehre, heiratet, die Tochter wird geboren. Scheidung, später Kulturredakteurin beim "Eulenspiegel", ab Ende der 50er Jahre freischaffend als Schriftstellerin, ist Liedautorin (u.a. für Angelika Neutschel, Gisela May, Uschi Brüning, Jürgen Walter) und Szenaristin für Rundfunk, Film und Fernsehen. Bis zur Wende erschienen 24 Bücher, in denen es um das Miteinander der Menschen geht. Die heutige Sicht der Schriftstellerin auf 40 Jahre DDR, die sie engagiert mittrug und manchmal auch ertrug: "Die DDR war meine Heimat. Ich habe hier gern gelebt und gearbeitet und trotz wachsender Unzufriedenheitniemals daran gedacht, ihr, meinen Freunden und Lesern den Rücken zu kehren. Trotzdem will ich sie nicht zurückhaben."

Das erscheint auf den ersten Blick als ein Widerspruch. In ihrem Buch "Die blödesten Augenblicke meines Lebens" (1996) gibt sie darauf eine Antwort: "Einer der Gründe, warum ich die DDR nicht mehr zurückhaben will: Sie hat uns als Einzelne unterfordert." Als Beispiel erwähnt sie die Präsidentschaft im Unterhaltungskomitee. "Es ging dabei, wie bei einer Gewerkschaft, darum, bessere Arbeitsbedingungen, zum Beispiel Pässe und Auftrittsmöglichkeiten, für die Künstler zu erreichen", erinnert sich Gisela Steineckert. "Leider konnten wir nur in Einzelfällen helfen. Solche Projekte wie eine eigene Hochschule für Unterhaltungskunst oder einen speziellen Lehrstuhl an der Humboldt-Uni blieben im Gestrüpp der ignoranten Parteibürokratie hängen", bedauert sie.

Hartnäckigkeit und Courage

"Jetzt", leitet die Schriftstellerin in die Zeit danach über, "braucht man wieder Hartnäckigkeit und Courage". Der Autorin steht dabei ihr Mann Wilhelm Penndorf, ehemaliger Chefredakteur Musik bei Radio DDR, als geistiger Katalysator und Kamerad seit 25 Jahren zur Seite. 1979 opferte er - was damals ganz untypisch und mutig war - die berufliche Karriere für seine Frau.

Wie viele Schriftsteller fahren die Eheleute heute von Berlin aus zu Buchlesungen mit anschließender Lebensberatung bis in die entferntesten Winkel vorwiegend der neuen Bundesländer. Dabei nehmen sie nicht selten bis zu siebenstündige Autofahrten in Kauf. Versöhnt werden sie dann vom Publikum, das sich in Bibliotheken, Clubs, Cafés oder Theatern versammelt und der Schriftstellerin regelrecht jedes Wort von den Lippen abliest. Neben der Befindlichkeit der Ostdeutschen ist ihr Lieblingsthema vor allem die neue "Weiberwirtschaft", die immer noch oder sogar stärker benachteiligten Frauen. Nahm Gisela Steineckert zum alten DFD eher eine distanzierte Haltung ein, so engagierte sie sich nach der Wende als 1. Vorsitzende im erneuerten demokratischen frauenbund e. V. (dfd). Jetzt ist sie Ehrenvorsitzende.

Das neueste Buch von Gisela Steineckert "Und dennoch geht es uns gut" (1998) stellt eine Briefsammlung der Jahre 1992 bis 1998 dar, denn Briefe waren ihr erster naiver Einstieg in die Literatur, und sie hat dieses Genre immer wieder gepflegt. Adressaten sind u. a. linke Frauen im Westen wie Alice Schwarzer ("Emma"), aber auch Ost-Frauen wie die Schriftstellerin Eva Strittmatter oder Ministerin Regine Hildebrandt, die sie alle in das große emanzipatorische Netzwerk einwebt.

In einem Brief an den "Wessi Wilhelm Fink" vom 1. November 1994 faßt Gisela Steineckert zusammen, warum sie sich so engagiert für die Abgewickelten und Benachteiligten einsetzt, die sogar ihre Biografien verleugnen sollen: "Schreiben im Osten ist jetzt ein Versuch, die Leute bei ihrer Fähigkeit zur Selbsthilfe zu packen. Die Leute müssen lachen und weinen, damit die Kruste nicht gar zu dick wird."

(Bernhard Schneider)